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New York PDF

285 Pages·2003·0.86 MB·German
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Tamim Ansary Kabul – New York Ein Leben zwischen den Kulturen Aus dem Amerikanischen von Stephanie Dreikauß Artemis & Winkler Titel der amerikanischen Originalausgabe: West of Kabul, East of New York Farrar, Straus and Giroux, New York 2002 © 2002 Tamim Ansary Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter http://dnb.ddb.de abrufbar. © der deutschen Ausgabe 2003 Patmos Verlag GmbH & Co. KG Artemis & Winkler Verlag, Düsseldorf und Zürich Alle Rechte vorbehalten. Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach Druck und Bindung: Clausen & Bosse, Leck ISBN 3-538-07168-3 www.patmos.de Zwischen zwei Kulturen aufzuwachsen gleicht dem Balancieren über einem Abgrund. Wenn die beiden Kulturen weit auseinander liegen – wie im Falle von Afghanistan und dem Westen – spüren die meisten den Drang, sich in Sicherheit zu bringen und vollständig auf die eine oder andere Seite zu wechseln. Und doch gibt es immer wieder Menschen, die Brücken zu bauen versuchen über den Abgrund. Einer von ihnen ist Tamim Ansary. Der Kinderbuchautor und Schriftsteller wächst im Kabul der 40er und 50er Jahre auf. Sein Vater ist Afghane, seine Mutter eine Amerikanerin finnisch-jüdischer Herkunft, die als eine der ersten westlichen Frauen Mitte der 40er Jahre in Kabul lebt. Im Alter von 16 Jahren emigriert Tamim gemeinsam mit der Mutter in die USA, aber anders als seine Geschwister bleibt er seiner zweifachen Herkunft treu. 1979, auf dem Höhepunkt der iranischen Revolution, unternimmt er, auf der Suche nach seiner Identität, eine erschütternde Reise durch die islamische Welt. In Kabul – New York erzählt er die fesselnde Geschichte seines Lebens. Sie ist geprägt von dem Verlangen, Punkte auszumachen, wo zwei auseinanderdriftende Kulturen sich doch noch treffen könnten. Tamim Ansary ist Kinderbuchautor und Publizist. Er lebt heute mit seiner Familie in San Francisco. Prominenz erlangte er durch eine an 20 Freunde gesandte E-Mail, die er im Anschluss an die Ereignisse des 11. September verfasste und die ihm Tausende von Reaktionen aus aller Welt einbrachte. Für meine Kinder, Jessamyn und Elina Prolog Viele Jahre lang dachten meine Geschwister und ich, wir wären die einzigen Afghanen in Amerika. Wenn ich mich vorstellte, fragten die Leute oft: »Ausgefallener Name. Woher kommen Sie?« Antwortete ich daraufhin Afghanistan, merkte ich nicht ohne ein leises Vergnügen, wie ich für sie zu einer Kuriosität wurde. Nur wenige wussten, wo Afghanistan lag, und einige waren sogar überrascht, dass es überhaupt existierte. Einmal machte ein Basketballtrainer am College sich über meine Technik beim Freiwurf lustig und lachte: »Wo hast du denn spielen gelernt, in Afghanistan?« Als ich ja sagte, war er sichtlich überrumpelt: Für ihn war Afghanistan nichts weiter als eine Redensart, so wie Da-wo-der-Pfeffer-wächst, sprich »am Ende der Welt«. Der Einmarsch der Sowjets in Afghanistan holte es da weg, aber nicht für lange. Noch im Sommer 2001 meinte jemand zu mir: »Aus Afghanistan, tatsächlich? Ich hätte ja nie gedacht, dass Sie aus Afrika kommen.« Das alles änderte sich am 11. September 2001. Auf einmal sprach jeder Fremde auf der Straße über Kandahar und Kunduz und Mazar-i-Sharif. Am 12. sollte die plötzliche Berühmtheit Afghanistans mein eigenes bescheidenes Leben komplett verändern. Ich fuhr an diesem Tag gerade durch San Francisco und hörte mir eine Sendung im Radio an. Meine Gedanken kreisten um Aufträge und Abgabetermine und schufen damit einen mentalen Ausgleich zu meinen Gefühlen, dem inneren Aufruhr und Schrecken. Im Radio plädierte eine Frau, unter Tränen zwar, aber vergeblich, gegen einen Krieg als Antwort auf die Terroranschläge in New York und Washington. Der Moderator machte sich über sie lustig. Dann rief ein Mann an und erklärte, nicht nur Afghanistan, sondern auch Menschen wie die Anruferin vor ihm seien der Feind. Nachdenklich sagte der Moderator: »Da ist was dran, Sir.« Ein weiterer Anrufer führte aus, wie man im Einzelnen mit Afghanistan verfahren sollte: »Werft ‘ne Atombombe drauf. Diesen Leuten muss man es zeigen. Baut ‘nen Zaun drumherum! Schneidet sie von jeder medizinischen Versorgung ab! Von Nahrungsmitteln! Lasst sie doch verhungern!« Ich hatte Afghanistan 35 Jahre lang nicht mehr betreten, doch sein Geist schlummerte noch immer in mir, und als ich dieser cholerischen Rede im Radio lauschte, erwachte er zu neuem Leben. Ich sah meine Großmutter K’koh, die elfenhafte Seele der Familie Ansary. Ach, sie war schon lange tot, aber in meinem Kopf starb sie an jenem Tag noch einmal, als ich mir den Bombenhagel vorstellte, der kommen würde. Ich sah meinen Vater, den Mann, der selbst dann nicht fort wollte – oder konnte –, als die Sowjets das Land in die Zange nahmen. Auch er war schon lange tot, doch wenn er noch gelebt hätte, wäre er jetzt in Kabul, ein 83-jähriger Mann, der in Lumpen und abgemagert bis auf die Knochen durch die Straßen liefe, einer von vielen, die verhungern würden, wenn ein solcher Zaun um unser Land gezogen würde. Ich nahm den Anrufern ihre Wut nicht übel, aber ich war zutiefst schockiert. Niemand schien zu wissen, wie bedauernswert harmlos die Afghanen im Grunde waren, diese heißen Anwärter auf den Preis für die ärmsten Menschen auf Erden, überrannt von den schlimmsten Verbrechern der Welt und jetzt, so schien es, auch noch dazu ausersehen, für die Verbrechen ihrer Peiniger zu bezahlen. Ich wollte in dieser Talkshow anrufen, aber als ich nach Hause kam, war ich dann doch zu schüchtern. Ich hatte noch nie in irgendeiner Weise mit den Medien zu tun gehabt. Also ging ich nach unten in mein Büro und schrieb ein paar Freunden eine E-Mail. Ihnen konnte ich alles erzählen, was ich der Öffentlichkeit gesagt hätte, wenn ich nur den Mut gehabt hätte, in dieser Talkshow anzurufen. Als ich auf »Senden« geklickt hatte, fühlte ich mich unendlich viel besser. Später riefen ein paar von ihnen an und fragten, ob sie meinen Brief an ihre Freunde weiterleiten dürften, und ich antwortete: »Klar«, und dachte noch: Wow, mit etwas Glück erreiche ich vielleicht fünfzig oder sechzig Menschen. In jener Nacht loggte ich mich auf meinen Server ein und fand mindestens hundert E-Mails in meinem Posteingang, die meisten von Fremden, die auf die Nachricht reagierten, die ich früher am Abend getippt hatte. Ich konnte es nicht fassen. Die Macht des Internets! Ich hatte… Hunderte erreicht. Am nächsten Tag merkte ich, dass sich etwas Größeres über mir zusammenbraute. Mittags rief mich mein alter Freund Nick Allen an, den ich seit fünfzehn Jahren nicht gesehen hatte. Irgendwie hatte er meine E-Mail bekommen und sich veranlasst gefühlt, mich ausfindig zu machen und Hallo zu sagen. Eine Stunde später hörte ich von Erik Nalder, dem Sohn eines amerikanischen Ingenieurs, den ich zuletzt vor 38 Jahren in Afghanistan gesehen hatte. Er hatte meine E-Mail bekommen – ich konnte mir nicht vorstellen wie – und sich veranlasst gefühlt, mich ausfindig zu machen und Hallo zu sagen. Dann klingelte wieder das Telefon. Ein Anrufer aus Chicago. Eine zögerliche Stimme. »Ich heiße Charles Sherman…« Kannte ich den? »Ich habe Ihre E-Mail bekommen…« Ich konnte ihn überhaupt nicht einordnen. »Sie kennen mich nicht«, sagte er. »Wie sind Sie dann an meine Nummer gekommen?« »Ich hab sie im Internet gesucht – jeder kann an Ihre Nummer… Ich wollte Ihnen nur sagen… dass ich Ihre E-Mail sehr vernünftig gefunden habe.« Ich bedankte mich und legte auf, mein Herz klopfte mir bis zum Hals. Also lasen auch Fremde meine E-Mail und jeder konnte an meine Telefonnummer. Und wenn der nächste Anrufer nun sagte: »Hi, ich gehöre zu den Taliban«? Und wenn die Al Quaida nun an die Tür klopfte? Wie lange würde es dauern, bis mir irgendein hysterischer Rassist einen Ziegelstein durchs Fenster schickte? Ich wollte meine E-Mail aufhalten. »Ich habe genug Menschen erreicht, danke, es reicht.« Aber es war zu spät. Ich konnte die E-Mail nicht mehr zurücknehmen. Ich konnte keine Korrekturen, Anhänge oder Fortsetzungen herausbringen. Meine E-Mail verbreitete sich wie ein Virus in den Vereinigten Staaten und auf der ganzen Welt. Meine E-Mail-Konten quollen über vor Antworten, und die Server mussten bereits Nachrichten löschen, die ich noch gar nicht gelesen hatte. Radiosender riefen an, Zeitungen, das Fernsehen. Am vierten Tag musste ich die World News Tonight warten lassen, um einen Anruf von Oprah Winfreys Leuten anzunehmen – nicht zu fassen! Ich habe keine Ahnung, wie viele Menschen letzten Endes die E-Mail bekommen haben. Ein Radiosender in Südafrika hat behauptet, sie hätte allein dort 250000 Menschen erreicht. Weltweit hat sie Millionen erreicht, nehme ich an – * und das in nur einer Woche. Was hatte ich bloß geschrieben? Warum diese Resonanz? Ich hatte kaum Zeit, mir über diese verwirrenden Fragen Gedanken zu machen. Die Medien hielten mich für einen Experten und stürzten sich auf mich. Die Fragen umschwirrten mich wie wild gewordene Hornissen, und alles, was ich tun * Den Text der E-Mail finden Sie am Ende des Buches. konnte, war sie zu verscheuchen. Aus diesen ersten verrückten Wochen erinnere ich mich nur an das skeptische Gesicht von Charlie Rose und seine Frage: »Tamim… kann man die Taliban denn wirklich mit den Nazis vergleichen?« Ich wollte ihm von dem Typen im Nadelstreifenanzug in der Türkei erzählen, der mich zu seinem Zweig des Islam bekehren wollte, und von dem Grauen, das mich beim Lesen seiner Schriften erfüllte, aber mein langatmiger Exkurs war in einer Fernsehshow nicht unbedingt angebracht. Ich stolperte aus dem Studio, in meinem Kopf drehte sich alles. Was hatte ich denn eigentlich sagen wollen? Meine Worte in der E-Mail waren so hart. Die Taliban, hatte ich geschrieben, waren ein RELIGIÖSER HAUFEN IGNORANTER PSYCHOTIKER. Wenn Ihr an BIN LADEN denkt, denkt an HITLER. Ich hätte es anders ausgedrückt, wenn ich gewusst hätte, dass Millionen Menschen zuhörten. Ich hätte meine Sprache sicherlich gemäßigt. In dem Fall hätte mir allerdings auch niemand zugehört. Und hatte ich die Unwahrheit gesagt? Würde ich meine Worte zurücknehmen? Nein. Zwei Wochen später rief mich die Frau meines Cousins an, Shafiqa, und erzählte mir von einem Gedenkgottesdienst für Ahmed Shah Massoud, der an jenem Abend mit Reden, Videos und Plakaten und noch mehr Reden stattfinden würde. Ich sollte doch kommen. Massoud war der letzte ernst zu nehmende Gegner der Taliban in Afghanistan gewesen, der Mann, der die

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