Andrea Jansen / Rosaia Ruberto Mediale Konstruktion politischer Realitat Andrea Jansen / Rosaia Ruberto Mediale Konstruktion politischer Realitiit Politikvermittlung im Zeitalter der Fernsehdemokratie Mit einem Geleitwort von Prof. Dr. Richard Munch ~ Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH Die Deutsche Bibliothek - ClP-Einheitsaufnahme Jansen, Andrea: Mediale Konstruktion politischer Realitat : Politikvermittlung im Zeitalter der Fernsehdemokratie / Andrea Jansen; Rosaia Ruberto. Mit einem Geleitw. von Richard Munch. - Wiesbaden: 01. Univ.-Verl., 1997 (DUV : Sozialwissenschaft) ISBN 978-3-8244-4243-0 ISBN 978-3-663-08749-6 (eBook) DOI 10.1007/978-3-663-08749-6 © Springer Fachmedien Wiesbaden 1997 Urspriing1ich erschienen bei Deutscher Universitats-Verlag GmbH, Wiesbaden 1997. Lektorat: Claudia Splittgerber Das Werk einschlleBlich aller seiner leile ist urheberrechtlich geschutzt. Jede Verwertung auBerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzu lfissig und strafbar. Das gilt insbesondere fUr Vervielfaltigungen, Ubersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Gedruckt auf chlorarm gebleichtem und saureFreiem Papier Geleitwort Die Wirklichkeit, die wir sehen und erleben, wird immer umfassender und tiefge hender von den Massenmedien (Presse, Rundfunk und Fernsehen) bestimmt. Einerseits sind die Massenmedien zur Hauptquelle unserer Informationen und Weltbilder geworden, andererseits sind die Ereignisse, Ober die sie berichten, selbst wieder maBgeblich durch mediale Realitatsdarstellungen gepragt worden. Wegen der Dichte der medialen Kommunikation bleibt immer weniger Raum fOr medial nicht bestimmte Kommunikation. Ein immer gr6Berer Teil unserer Realitat ist deshalb medial konstruierte Realitat. Was fOr die sich uns darbietende Realitat im allgemeinen gilt, das gilt auch fOr die politische Realitat. Sie ist immer mehr zu einer medial konstruierten Realitat ge worden und wird deshalb von den GesetzmaBigkeiten medialer Realitatskon struktion beherrscht. Diese Entwicklung hat gravierende Konsequenzen fOr das Verhaltnis zwischen Offentiichkeit und Politik. Nach demokratietheoretischem Verstandnis sollen Massenmedien durch ihre Berichterstattung ein Forum fOr die 6ffentliche Meinungsbildung bieten. Aus dieser sollen sich Themen und Leitlinien fOr die politische Willensbildung in den demokratischen Entscheidungsverfahren in Wahlen, Parlamentsabstimmungen und Regierungsentscheidungen ergeben. Uber deren Verlauf und Ergebnis soli wieder in den Massenmedien berich!e! wer den, so daB sie in der Offentlichkeit kritisch reflektiert und gegebenenfalls im weiteren Verlauf korrigiert werden k6nnen. Damit das Zusammenspiel von Medien und Politik in der demokratischen Meinungs- und Willenbildung in der dargestell ten Weise funktioniert, mOssen beide Seiten voneinander unabhangig sein. For mell wird die Unabhangigkeit der Medien durch den Verfassungsgrundsatz der Informations- und Meinungsfreiheit gewahrleistet, die Unabhangigkeit der Politik durch den Verfassungsgrundsatz der freien, allgemeinen und geheimen Wahl. Auf beiden Seiten geh6rt auBerdem die innere Vielfalt und Offenheit dazu: Vielfalt der privaten Medienanbieter und Vielfalt der reprasentierten Parteien und Ver bande in den Rundfunk- und Fernsehraten der 6ffentlich-rechtlichen Medien so wie Offenhei! der Parteienkonkurrenz in der Politik. 5 Medien und Politik kannen jedoch trotz Garantie der Informations- und Meinungs freiheit formal so miteinander verschmelzen, daB Berichterstattung und politische Entscheidungsfindung in der politischen Realitatskonstruktion zusammenfallen. Diese Verschmelzung von Medien und Politik tritt besonders dann ein, wenn sich der Kampf um Auflagenzahlen und Einschaltquoten auf der einen Seite und der Kampf um Wahlerstimmen auf der anderen Seite verscharft. Die Medien mOssen dann um so aktiver die Konstruktion politi scher Ereignisse betreiben, die Politik mul3 um so mehr die mediale Konstruktion der politischen Realitat gestalten. Es entbrennt ein Kampf um die politische Realitatskonstruktion, bei dem Medien und Politik so ineinandergreifen, daB sie beide von ein und denselben Gesetzmal3ig keiten der medialen Ereignisproduktion beherrscht werden. Berichterstattung und politische Entscheidung lasen sich auf in der medialen Ereignisproduktion. Die Foige dieser Entwicklung fOr die Medien besteht darin, daB die Erzeugung von Aufmerksamkeit um jeden Preis die Oberhand Ober die sachliche Berichter stattung gewinnt. Die Foige fOr die Politik aul3ert sich darin, daB die Erzeugung von Realitatswahrnehmungen in den Vordergrund und die sachliche Entschei dungsfindung in den Hintergrund tritl. Medien und Politik spielen sich in der Er zeugung von Aufmerksamkeit und Realitatswahrnehmungen gegenseitig in die Hande und bilden einen in sich geschlossenen Kreislauf von medialen Kommuni kationen. Die demokratietheoretisch begrOndete Idee, daB die Medien das Forum einer Offentlichkeit bilden sollen, in der die Themen und Leitlinien fOr die Politik formuliert und deren Entscheidungen kritisch reflektiert und gegebenenfalls zur Korrektur zurOckgegeben werden, erweist sich unter diesen Bedingungen als eine Illusion. Die Medien erzeugen die Realitat, die aufgrund ihrer Berichterstattung erst gestaltet werden soli, selbst. Die Politik produziert die Realitatswahrnehmun gen, die sie leiten sollen, ebenfalls selbst. In den Medien herrscht die Ereig nisproduktion Ober die sachliche Berichterstattung, in der Politik die Realitats konstruktion Ober die Sachentscheidungen. Diese hier skizzierte Entwicklung lal3t sich unter fast experimentellen Bedingun gen an einem Vergleich des Verhaltnisses zwischen Fernsehen und Politik in der Bundesrepublik Deutschland zur Zeit des affentlich-rechtlichen Monopols und nach der Zulassung des Privatfernsehens beobachten. Rosaia Ruberto und An- 6 drea Jansen haben genau diesen Vergleich durchgefOhrt. Ihre Untersuchung bietet einen materialreichen und detailiierten Einblick in die mediale Konstruktion der politischen Realitat und den dadurch volizogenen Strukturwandel der Offent lichkeit. Die Autorinnen sehen in diesem Strukturwandel am Ende ihrer Studie allerdings nicht nur den Niedergang der traditionellen burgerlichen Offentlichkeit, die ja eine Sache der Eliten war, sondern auch die Chance der Einbeziehung ei nes breiteren Publikums in das politische Geschehen. Um diese Chance wahr nehmen zu k6nnen, muB es allerdings gelingen, den Darstellungszwangen der 6ffentlichen Kommunikation die bewuBte Vermittlung sachlicher Probleme und ihrer L6sungsm6glichkeiten entgegenzusetzen. Wie die Autorinnen zeigen, mus sen die Journalisten und politischen Reprasentanten in Deutschland diesen Strukturwandel der Offentlichkeit erst noch richtig begreifen, um ihre Rolle in be zug auf die neue Situation angemessener definieren und spielen zu k6nnen. Richard Munch 7 Inhaltsverzeichnis 1 Einleitung ........................................................................................................... 11 2 Die Kommunikationsgesellschaft. ....................................................................... 15 3 Politische Kommunikation in der Kommunikationsgesellschaft ......................... 19 4 Politik, Offentlichkeit und Medien aus systemtheoretischer Perspektive ........... 23 4.1 Politisches System ...................................................................................... 25 4.1.1 Der politische Austausch: Politische Parteien als Interessenvertreter und Entscheidungstrager ................................. 28 4.2 Kommunikationssystem und Offentlichkeit... ............................................... 29 4.2.1 Mediensystem ...................................................................................... 33 4.2.1.1 Funktionen der Medien fur die politische Kommunikation ............. 36 4.3 Zusammenfassende Bemerkungen zum Verhaltnis von Medien und Politik in der Kommunikationsgesellschaft ....................... 40 5 Politik und Medien in der Bundesrepublik: Traditionelle Strukturen ................. 43 5.1 Staat und Offentlichkeit in Deutschland: Kulturelle Traditionen .................. 43 5.2 Die Organisation der politischen Willens- und Meinungsbildung: Strukturelle Macht der Parteien .................................................................. 48 5.3 Organisation des Rundfunks: Das Monopol der 6ffentlich-rechtlichen Anstalten ...................................... 54 5.4 Die Journalisten: Selbstverstandnis und Berufsethik .................................. 60 5.5 Die politische Steuerung medialen Handelns ............................................. 69 5.5.1 Politische Steuerungsm6glichkeiten bei den 6ffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ................................ 69 5.5.1.1 Gremienpolitik ................................................................................ 69 5.5.1.2 Personalpolitik ............................................................................... 73 5.5.1.3 Programmpolitik ............................................................................. 75 5.5.1.4 Finanz- und ordnungspolitische Steuerungsm6glichkeiten ........... 78 5.5.1.5 Zusammenfassung ......................................................................... 80 5.5.2 Informelle Kommunikationsbeziehungen als Steuerungsmechanismen ............................................................... 80 5.5.3 Schlul3bemerkung ................................................................................ 84 6 Neue Entwicklungen in der politischen und medialen Realitat der Bundesrepublik ........................................................ 87 6.1 Die etablierten Parteien zwischen Machtverlust und neuen Anforderungen ..................................................... 87 6.2 Expansion und Privatisierung des Medienbereichs .................................... 90 6.2.1 Die Offentlich-rechtlichen zwischen Gemeinwohl und Wettbewerb ..... 94 6.3 Foigen fUr die politischen Steuerungsm6glichkeiten in der Medienkommunikation ...................................................................... 99 7 Mediale Realitatskonstruktion und Thematisierung ......................................... 101 7.1 Die Logik der medialen Realitatskonstruktion ........................................... 103 7.1.1 Selektionszwange ............................................................................... 103 7.1.2 Nachrichtenfaktoren ........................................................................... 104 9 7.1.3 Zwange der Nachrichtenproduktion: Arbeitstechnische und logistische Faktoren ....................................... 111 7.1.3.1 Auswirkungen der erhOhten medialen Konkurrenz auf die Produktion ........................................................................ 114 7.1.4 Zusammenfassung ............................................................................. 117 7.2 Programmgestaltung im dualen Fernsehsystem ....................................... 119 7.2.1 Kommerzialisierung der Programminhalte? ....................................... 119 7.2.2 Nachrichten im privaten und 6ffentlich-rechtlichen Fernsehen: Inhalte und Prasentationsformen ........................................................ 125 7.2.3 Zusammenfassung ............................................................................. 129 8 Politische Darstellung und Medienlogik: Politische Akteure zwischen Schauspiel und RegiefOhrung in der Fernsehrealitat ...................... 131 8.1 Politische Offentlichkeitsarbeit... ............................................................... 132 8.1.1 Moderne Offentlichkeitsarbeit in der Bundesrepublik ......................... 133 8.1.2 Politische Public Relations in der Bundesrepublik ............................. 135 8.1.3 Medienarbeit im Fernsehzeitalter ....................................................... 138 8.1.4 Zusammenfassung ............................................................................. 143 8.2 Politisches Themenmanagement .............................................................. 144 8.2.1 Thematisierung durch Pressemitteilungen ......................................... 145 8.2.2 Pressekonferenzen und 'Pseudoereignisse' als Thematisierungskontexte .............................................................. 147 8.2.3 Hintergrundgesprache als exklusive Kommunikationskreise ............. 150 8.2.4 Strategisches Timing' als Mittel zur Thematisierung und Dethematisierung in den Medien ................................................. 152 8.2.5 Gezielte Thematisierung im ausdifferenzierten Mediensystem .......... 154 8.2.6 Medienresonanz der Informationspolitik ............................................. 156 8.2.7 Zusammenfassung und SchluBfolgerungen ....................................... 157 8.3 Politische Kommunikations- und Darstellungsstrategien in der Offentlichkeit ................................................................................... 158 8.3.1 Politische Argumentationsmuster ....................................................... 159 8.3.1.1 Strategien der positiven Selbstdarstellung .................................. 161 8.3.1.2 Strategien der negativen Fremddarstellung ................................. 164 8.3.1.3 Personalisierung als Grundmuster der Politikvermittlung ............ 166 8.3.2 Politische Darstellung im Fernsehen .................................................. 168 8.3.2.1 Politik der Schlagworte ......................................... , ...................... 169 8.3.2.2 Unterhaltende Politik ...........................................................: ........ 170 8.3.2.3 Konfliktbetonte Politik .................................................................. 174 8.3.2.4 Personalisierte Politik: Politiker als Fernsehdarsteller ................. 180 8.3.2.5 Etablierte und alternative Akteure: Zugangschancen und Kommunikationsstrategien ....................... 185 8.3.3 Zusammenfassung ............................................................................. 188 9 Fazit ................................................................................................................. 189 10 Literaturverzeichnis ....................................................................................... 193 10 1 Einleitung Das Thema 'Medien und Politik' hat in den letzten Jahren Karriere gemacht. Macht der Medien, Fernsehdemokratie, Politiker als Schauspieler, symbolische Politik und mediatisierte Politik sind in diesem Zusammenhang zentrale Schlag worte. Diese Begriffe verweisen auf den Eingang der Medienlogik in die Politik als neue Dimension der politischen Realitat. Dabei wird haufig ein 'Strukturwandel' der Politik postuliert, das heif3t die Aufspaltung der Politik in eine unsichtbare Realitiit der Entscheidungspolitik und eine sichtbare Darstellungspolitik. Die Brisanz und der Facettenreichtum des Themas waren Anreiz, die Beziehung zwischen Medien und Politik in der mediatisierten politischen Kommunikation na her zu beleuchten. Dabei wollen wir nicht in die -wenn auch gesellschaftlich rele vante -Diskussion uber die Legitimitat einer solchen Entwicklung und ihre Gefah ren fur die Demokratie eintreten. Unser Anliegen ist vielmehr aufzuzeigen, wie sich die Politik auf die Bedingungen der Mediatisierung einstellt. DafUr mussen einerseits die Gesetzmaf3igkeiten und Bedingungen der mediatisierten offentli chen Kommunikation, andererseits die Nutzungs- und Einfluf3moglichkeiten der politischen Akteure betrachtet werden. Die Beziehung von Medien und Politik im Kommunikationsprozef3 wird aus den verschiedensten Perspektiven in wissenschaftlichen und Laienkreisen, aber auch selbstreflexiv von Politikern und Journalisten erortert und kommentiert. Von seiten der Politologie wird das Thema insbesondere im Zusammenhang mit Meinungs bildungsprozessen, Wahlkampfkommunikation und Wirkungen auf politisches Interesse, Einstellungen und Verhalten der Rezipienten behandelt.1 Einen wichti gen Untersuchungszweig stellen zudem die Kommunikations- und Medienpolitik dar. Sehr umfa,!greich ist die sprachwissenschaftliche Forschung zum Thema 'Sprache der Politik': Sie beschiiftigt sich mit Darstellungsmustern der Politik in der Offentlichkeit, dies auch im Hinblick auf kommunikative Manipulationsgefah- 1Vgl. z.B. W. Bergsdorf, 1988: Uber die Macht der Kultur; W. R. Langenbucher (Hrsg.), 1979: Po litik und Kommunikation; U. Sarcinelli (Hrsg.), 1987: Politikvermittlung. 11