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Julia Voss Mit Albus' Augen Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Anita Albus, haben Sie vielen PDF

19 Pages·2014·0.28 MB·German
by  VossJulia
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Julia Voss Mit Albus’ Augen Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Anita Albus, haben Sie vielen Dank für die Einladung. Ich freue mich sehr, hier heute sprechen zu dürfen. Im Programm ist mein Vortrag als »Rede« geführt. Ich will dieser Rede nachträglich doch einen Titel geben. Worüber ich heute spreche, soll die Überschrift tragen: »mit Albus’ Augen«. »Albus’ Augen«, das klingt wie »Argusaugen«, und das ist natürlich Absicht. In der nächsten Dreiviertelstunde werde ich mich zwei Fragen widmen: 1) Was heißt es, »mit Albus’ Augen« die Welt zu sehen? Dieser Blick wird uns, den Betrachtern, dann ermöglicht, wenn wir die Gemälde von Anita Albus ansehen. Und um den Gewinn, den wir daraus ziehen, soll es mir gehen. 2) … möchte ich einen vergleichenden Blick auf das Umfeld werfen: auf die Sonderstellung nämlich, die Anita Albus in der Gegenwartskunst einnimmt. Wie lässt sich Anita Albus’ Werk in die Kunstgeschichte einordnen? Wie verhält es sich zur Kunst der Gegenwart? Argos, das ist in der griechischen Mythologie der hundertäugige Riese, von dem Hera Zeus bewachen ließ. Argos hatte die Gabe, jeweils ein Auge schlafen zu lassen, während die anderen weiterwachten. Diese Gabe hat etwas Beängstigendes. Und meine Erfahrung ist, dass auch das Werk von Anita Albus 1 den Betrachter verängstigen kann – jedenfalls kurzzeitig. Mich verängstigte es, als ich die ersten Originale sah. Es war gleichzeitig das erste Mal, dass ich Anita Albus traf. Lassen sie mich also mit dieser Anekdote beginnen: Es war im Frühjahr 2008, ein nebliger, verregneter Tag in München. Ich hatte im Haus der Kunst gerade eine Ausstellung mit abstrakten Bildern von Gerhard Richter besucht und lief nun durch den Englischen Garten zu Anita Albus, mit der ich verabredet hatte, sie zu Hause zu treffen, um ihre Bilder im Original sehen zu können. Endlich. Bis dahin kannte ich ihre Arbeiten nur als Reproduktionen. Ihre Vogelbilder aus dem Buch ›Von seltenen Vögeln‹, das 2005 erschienen war. Die Blumenbilder aus ›Das botanische Schauspiel‹ von 2007. Bei der F.A.Z. arbeitete ich noch nicht lange. Ein Jahr zuvor, im Frühjahr 2007, war ich zunächst als Sachbuchredakteurin eingestellt worden. Im Herbst, als der damalige Kunstredakteur die Zeitung verließ, fragte man mich, ob ich das Kunstressort leiten wollte – zusammen mit meinem Kollegen Niklas Maak. Ich sagte ja. Einer der ersten Termine, die ich vereinbarte, um eine Gegenwartskünstlerin oder einen -künstler im Atelier zu besuchen, war das Treffen mit Anita Albus. Sie öffnete die Tür. Wir bogen gleich in ihr Malzimmer ein. Wer Anita Albus in ihrem Atelier in München besucht, sieht sofort, dass hier etwas Besonderes in Vorbereitung sein muss. Nach der Haustür führt ein Flur in eine große Altbauwohnung am Englischen Garten. Das Zimmer, in dem Anita Albus malt, liegt am weitesten von dem Zimmer entfernt, in dem sie schreibt. Es gibt keinen Fernseher, keinen Computer, die Wände sind bis auf wenige Bilder leer. In einem Schrank stehen die Pigmente, mit denen Anita Albus selbst ihre Farben anmischt. 2 Auf dem Tisch stand eine Staffelei, darauf ein kleines Bild, nicht größer als ein Gebetbuch. Es stimmt, wenn man sagt, dass Anita Albus sich mehr Zeit für die Dinge nimmt, als wir es normalerweise heute tun. Anita Albus nimmt sich aber nicht nur mehr Zeit als Menschen im einundzwanzigsten Jahrhundert, sondern auch mehr als die meisten im achtzehnten, siebzehnten oder sechzehnten Jahrhundert. Es gab jedoch zu allen Zeiten Künstler, die am Fließband produzierten. Ich fragte sie, wie lange sie für ein Bild brauche. Sie antwortete: »An diesem Bild habe ich zwei Jahre gemalt«. Es war der grün schillernde Waldrapp, der auf dem Gemälde so groß wie eine Maus ist. ›Waldrappe in Weltlandschaft‹. Ich war erstaunt, wie klein es ist. Es hing nicht an der Wand. Es war nicht verglast. Es stand auf dem Tisch. Und zum ersten Mal sah ich mit eigenen Augen den Effekt, den kein Buchdruck wiedergeben kann. Das dunkle Gefieder des Vogels leuchtet metallisch. Je nachdem von welcher Seite man es ansieht, blitzen die Farben Grün oder Violett darin auf. Die Sonne, das Licht, scheint auf seinem Kleid zu spielen. Was für ein perfektes Schauspiel, auf so wenigen Zentimetern. Was ist das Geheimnis? ›Waldrappe in Weltlandschaft‹ im Original zu sehen, erfüllte mich mit großem Glück. Einerseits. Andererseits jagte mir, das muss ich zugeben, das kleine Tier auch einen Schrecken ein. Ich verstand, dass jemand, der in der Lage war, auf so kleinem Raum die merkwürdige Schönheit eines Waldrapps unterzubringen, Dinge sieht, Details, die andere nicht sehen. Und diese Einsicht förderte in mir eine Reihe alberner Gedanken zu Tage. Ich fühlte mich beobachtet. Oder sagen wir so: Ich wusste, dass wenn es was an mir zu beobachten gebe, es Anita Albus nicht entginge. Während ich das Bild ansah, 3 stellten sich also unwillkommene Fragen ein, die mich selbst betrafen. Ob ich wohl was in den Zähnen hängen habe? Oder an der Nase? Ich hatte das Gefühl, unter ein Vergrößerungsglas getreten zu sein, das Anita Albus auf die Welt richtet. Das ist eine Eigenheit der »Albus’ Augen« – aber natürlich nicht ihr Geheimnis. Was ist das Geheimnis? Vor der Erfindung industriell hergestellter Farben hätte man von einem »Werkstattgeheimnis« gesprochen. Denn Anita Albus – und damit ist sie im zeitgenössischen Kunstbetrieb fast alleine – stellt ihre Farben selbst her. Anita Albus ist nicht nur Malerin, sondern auch Erfinderin. Die Art, wie sie malt, konnte sie nicht auf der Folkwangschule in Essen-Werden lernen, wo sie von 1960 bis 1964 Grafik studierte; und die Farben, die sie verwendet, kann sie noch immer in keinem Geschäft kaufen. Die Pigmente Bleiweiß, Grünspan oder Pfirsichkernschwarz stellt sie selbst her. Sie mischt die Lösungen und Emulsionen. Verleiht den Farben mit Honig oder Gummiarabicum Geschmeidigkeit. Behandelt die Holz-, Kupfer- oder Leinwandoberflächen ihrer Gemälde. Oder färbt das Papier für ihre Aquarelle ein. Vielleicht ist es erhellend darauf hinzuweisen, dass »das Erfinden« in der Familie von Anita Albus Tradition hat. Bereits ihr Vater war Chemiker. Der Großvater: ein Chemiker. Der Urgroßvater: ebenfalls Chemiker. Der Urgroßvater war außerdem ein Schüler und Assistent von Justus Liebig, dem Begründer der modernen Lebensmittel- und Landwirtschaftschemie. Dieser Urgroßvater erfand eine Nickellegierung, die er sich patentieren ließ. 4 Nach heutigem Verständnis wäre eine Tochter, die aus einem derart naturwissenschaftlich geprägten Elternhaus kommt und Künstlerin wird, eine, die der Familientradition den Rücken kehrt, um sich etwas anderem zuzuwenden. Die spröde Naturwissenschaft hier, die schönen Künste dort. Das ist jedoch zu modern gedacht. Wer die vormoderne Kunstgeschichte kennt, wird wissen, dass es geradezu folgerichtig ist, wenn die Tochter eines Chemikers zu malen beginnt. Denn bevor Farben in Tuben gekauft werden konnten, war jeder Maler auch Chemiker. Und die besten Maler waren die besten Chemiker, weil sie wussten, welches Pigment wie verarbeitet und aufgetragen werden musste, um das Gemalte weich, samtig, glühend oder durchscheinend wirken zu lassen. Ich kenne keinen Gegenwartskünstler, der sich mit der Wirkung und dem chemischen Aufbau von Farben auch nur annähernd so eingehend beschäftigt hat wie Anita Albus. 1997 erschien ihr Buch ›Die Kunst der Künste‹ mit dem bezeichnenden Untertitel ›Erinnerungen an die Malerei‹. Das Buch besteht aus Betrachtungen, Essays zu Werken von Malern und Malerinnen des fünfzehnten, sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts. Die einzigen Abbildungen die aus dem Industriezeitalter stammen, sind dem wissenschaftlichen Werk ›Das Mineralreich in Bildern‹ von 1858 entnommen. Was dieses Buch für jeden Kunsthistoriker zu einer Entdeckungsreise macht, ist, dass Anita Albus darin nicht nur Kunstwerke interpretiert, ikonologisch ausdeutet und in ihre Zeit einordnet. Das aufregende Abenteuer für den Leser besteht darin, dass die Art und Weise, wie sie hergestellt wurden, erforscht und erklärt wird. Beispielsweise versucht sie, das Rätsel zu lösen, wie es dem flämischen Maler Jan van Eyck gelang, seinen Farben die vielgepriesene Tiefenwirkung zu verleihen. Und sie 5 gibt – wie kann es anders sein – die Antwort einer malenden Chemikerin: Es seien »die konsequente Nutzung der optischen Wirkungen unterschiedlicher Korngrößen« bei den Pigmenten und die »Sandwich-Anordnung« dreier Farbschichten, die das Licht in die Tiefe des Bildes lockten, um es dort mehrfach zu brechen. Dieses Kunststück vermag kein industrielles Pigment. Die Maschine malt die Körner zu fein und gleichmäßig, die Farben wirken deshalb häufig flach, teigig oder wie aus Plastik. Zu Recht vertraut Anita Albus den industriellen Pigmenten nicht. Es gibt also eine technische Seite des Geheimnisses. Es gibt natürlich aber auch eine inhaltliche: die Frage, auf welche Dinge, welche Lebenswesen Anita Albus ihre Augen und mit den Gemälden unsere Augen lenkt. Und für ihren Blick bietet die schönsten und anschaulichsten Beispiele ›Das botanische Schauspiel‹. Das Buch hat vierundzwanzig Kapitel, jedes Kapitel widmet sich einer Blumenart. Es ist aber kein Feldführer. Es ist eine betörende Entdeckungsfahrt in das Reich knapp unterhalb unserer Knie. Wir erleben das, was Literatur und Kunst im besten Sinne leisten können: die Tür in eine andere Welt aufzustoßen. Jede der vierundzwanzig Pflanzen in diesem Band wurde, wie der Titel ankündigt, »nach dem Leben gemalt und beschrieben«. Nach dem Leben – das ist eine tradierte Formel der naturhistorischen Buchillustration, mit der Zeichner in der Vergangenheit die Authentizität der Überlieferung garantierten. Bei Alfred Edmund Brehms Mitarbeitern für das ›Illustrirte Thierleben‹ hieß das im neunzehnten Jahrhundert: Ich habe dieses Tier mit eigenen Augen gesehen und nicht nach Vorlagen kopiert. Bei Anita Albus hat es dieselbe Bedeutung. 6 Denn genau dieser Mühe der Augenzeugenschaft hat sich Anita Albus unterzogen. Ohne Vorzeichnungen wurde jede Blume mit dem Pinsel direkt auf das Papier gesetzt, der weiße Aquarellpapiergrund zuvor mit Pigment eingefärbt. Sechs Wochen brauchte sie allein um Meconopsis betonicifolia Franch. zu malen, eine blau blühende Mohnpflanze, deren Blätter in der Vase sich innerhalb von fünf Minuten in »verkohlte Lappen« verwandeln. Vor allem aber hat Albus jede Pflanze aus einem Samen in ihrem Garten in München oder bei Dijon gezogen. Wer ihr vorangegangenes Buch ›Von seltenen Vögel‹ gelesen hat, wird sich vielleicht noch an das Ornithologenehepaar Oskar und Magdalena Heinroth erinnern. Die Heinroths schufen in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts das Monumentalwerk ›Die Vögel Mitteleuropas‹. Dafür päppelten sie – auf den Fensterbrettern, Bücherbords und Abstelltischchen ihrer Berliner Wohnung – sämtliche von ihnen beschriebenen Tiere von Hand auf. Die gleiche Vorgehensweise erlaubt es Albus, jeder Blume auch eine praktische Anleitung beizugeben, wie sie im Garten zu halten sei. Sie kennt ihre Empfindlichkeiten. Die eine verlangt mit einem Karton vor Spätfrost geschützt zu werden, die andere verabscheut kalkhaltiges Wasser, weshalb man sie nicht mit Leitungswasser gießen darf. Es sind nicht die ins Auge stechenden, großen fleischigen Prachtblumen der Tropen oder Gewächshäuser, die uns Albus näherbringt, sondern kleine Pflanzen. Zwischen Kieseln in Kaschmir blühend oder auf den sandigen Hochplateaus Mexikos haben diese Blumen eine beharrliche Eigenständigkeit entwickelt, die sie auch in unseren Gärten weiter behaupten. Es sind seltene und zarte Organismen, deren Samen häufig aus entlegenen Regionen stammen und die 7 Anita Albus in ihrem Garten aufzog, um sie malen zu können. Mit den feinsten Pinseln registriert sie jedes Fältchen auf den Blättern, die ersten braunen Adern im Blütenblatt, die davon zeugen, dass es bald verwelken wird. Von Naturalismus zu sprechen wäre falsch. Die Wirklichkeit, die Natur, ist viel weniger eindeutig, als der Begriff vortäuscht. Nicht jeder, der eine Pflanze betrachtet, würde sehen, was Anita Albus sieht. Aber wer ihre Bilder sieht, erhält die Chance, eine Pflanze mit solchen Augen zu sehen. Zu den größten Bewunderern von Anita Albus’ Kunst zählte Claude Lévi- Strauss, der französische Ethnologe und Anthropologe. In den Bildern von Anita Albus, schreibt Claude Lévi-Strauss, »sehen wir die Dinge auf eine Weise, die wir verlernt oder vergessen hatten«. Dem hundertjährigen Forscher, der in Frankreich in der Nähe von Anita Albus wohnte, zeigte Anita Albus vor wenigen Jahren ihr neuestes Studienobjekt: den Isabellaspinner. Er ist der vielleicht schönste Schmetterling Europas aus der Familie der Pfauenspinner. Er lebt in den Kiefernwäldern der Pyrenäen. Als ich Anita Albus zum ersten Mal traf, zeigte sie mir ein Exemplar des Isabellaspinners und erzählte mir von ihrer Absicht, ihn malen zu wollen. Als ich sie, mehr als vier Jahre später, in Frankreich besuchte, zeigte sie mir das fast fertige Gemälde. Nach den Blumen und Vögeln scheint es naheliegend, sich auch den Insekten zu widmen. Das geplante nächste Buch über Insekten ist aber nicht nur die Fortführung eines Projekts, sondern die größte Herausforderung an die Malerei, der sich Anita Albus in ihrem Werk stellt. Worin besteht diese Herausforderung? Was Malerei bedeutet, erklärte Anita Albus 1997 in dem bereits zitierten Werk ›Die Kunst der Künste. Erinnerungen 8 an die Malerei‹ anhand der Pigmente des Schmetterlings. Sie schrieb: »Die prächtigen Farben der Schmetterlinge verdanken sich einem in Schichten aufgebauten System, in dem das Zusammenspiel von Farbstoff und unterschiedlicher physikalischer Struktur der Schuppen irisierende Wirkungen erzeugt. Dieses Verfahren haben die Maler der Natur einst nachgeahmt. Sie hatten die Metalle, Mineralien, Erden, Pflanzen, Hölzer, Knochen, Läuse, Muscheln und Schnecken vor Augen, und der Prozess ihrer Verwandlung in Pigmente war ihnen vertraut.« Jedes Pigment unterscheidet sich nicht nur der Farbe nach, sondern in seiner Struktur. Es besitzt einen Körper, der das Licht auf unterschiedliche Weise bricht, zurückwirft und schluckt. Die neuen synthetischen Pigmente haben eine homogene Struktur. Naturpigmente dagegen, wie das kostbare Ultramarin, verfügen über Einsprengsel anderer Kristalle, etwa Calcit, Pyrit oder Quarz, die als flimmerndes Firmament erscheinen. Mit diesen Pigmenten bauten die Alten Meister der Stillebenmalerei die Natur nach. Was heißt es, die Wirkung der Farben »nachzubauen«? In der Malerei gibt es, grob gesprochen, zwei Arten, Lichteffekte zu produzieren. Die Unterscheidung ist einfach – auch für den Laien. Die eine besteht darin, mit Hell- und Dunkelkontrasten Glanzlichter und Schatten nachzuahmen, so dass das Auge getäuscht wird und die dreidimensionale Wirkung eintritt. Der Effekt, der Spuk, wenn man so will, hört auf, wenn man nahe an das Bild herantritt. Das Bild fällt dann wieder in Farbflächen auseinander. Die optische Täuschung, das trompe l’œil, verschwindet. Etwas völlig anderes ist es dagegen, Pigmente wie geologische Schichten aufzutragen, so dass sich das Licht, wenn es die Ebenen durchwandert, mehrfach bricht und damit die Farben strahlen lässt. 9 Schmetterlingsflügel, Vogelfedern bringt dieses Prinzip in der Natur zum Leuchten – in der Kunst die Gemälde von Anita Albus. Es geht also um mehr, als einen Effekt zu produzieren. Anita Albus’ Malerei gleicht sich der Methode an, die in der Natur die Gegenstände hervorbringt, die sie festhält. Die alte Technik der Malerei lehrt dabei, auch heute Strukturen zu sehen, die ein Kameraauge nicht erkennt. ›Der Flügel des Isabellaspinners‹, sagte Anita Albus bei unserem ersten Treffen, indem sie auf den Isabellaspinner zeigte, »ist durchsichtig und mit einem feinen Pelz überzogen«. Dass etwas pelzig und durchsichtig zugleich ist, würde man ausschließen, wenn man es nicht sähe. Dass Anita Albus ihre Kunst auf keiner Hochschule, keiner Akademie lernen konnte, habe ich bereits gesagt. Dass es nicht schaden kann, als Autodidaktin aus einer Chemiker-Familie zu kommen, habe ich ebenfalls angesprochen. Wie aber lehrt man sich aber selbst das Malen? An welchen Meistern schult man sich? Wer sind die Vorbilder? Zu den Eigenheiten von Anita Albus Werk gehört, dass sie ihre Gemälde zuerst in Büchern veröffentlichte. In Büchern für Kinder. Eines davon ist das Kinderbilderbuch ›Der Himmel ist mein Hut, die Erde ist mein Schuh‹ von 1973. Die Bilder stammen von Anita Albus, die Texte schrieben Kinder. Ein Bild zeigte einen weißen Ozeandampfer, der in einen dunkelgrünen Wald einfährt. Ein neunjähriges Mädchen dachte sich dazu die Geschichte von dem Schiff aus, dem es langweilig wird, immer bloß Wasser zu sehen. »Es wollte nicht immer die vielen Menschen, Tiere und Kisten über das Wasser tragen.« Also fuhr es in den Wald. In dem Wald, den Albus dem Schiff schenkte, blühten rot der Fingerhut, weiß die Walderdbeere und gelb die 10

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als ich die ersten Originale sah. Es war gleichzeitig das erste Mal, dass ich Anita. Albus traf. Lassen sie mich also mit dieser Anekdote beginnen: Es
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