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Eine ostdeutsche Apostelgeschichte des 14. Jahrhunderts: (Aus dem Königsberger Staatsarchiv Handschrift A 191) PDF

112 Pages·1927·6.249 MB·German
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Eine ostdeutsche Apostelgeschichte des 14. Jahrhunderts (aus dem Königsberger Staatsarchiv, Handschrift A 191) Herausgegeben von Walther Ziesemer Max Niemeyer Verlag Halle (Saale) 1927 Alle rechte, auch das der Übersetzung in fremde sprachen, vorbehalten Copyright by Max Niemeyer, Verlag, Halle (Saale), 1927 Altdeutsche textbibliothek, begründet von H. Paulf, herausgegeben von G. Baesecke nr. 24 Druck von Karras, Kröber & Nietächmann, Halle (Saale) Inhalt. Seite Einleitung 1— 21 Text . . 23—10S Einleitung. Wenn ich es linternehme, eine „Ostdeutsche Apostel- geschichte des 14. Jahrhunderts" zum abdruck zu bringen, so leiten mich dabei vornehmlich zwei erwägungen. Erstens halte ich es für zweckmäßig, daß unsere Studenten sich mit den vielfachen versuchen, die bibel zu verdeutschen, mit der lutherischen sowohl wie den vor- und nachlutherischen Übersetzungen eingehend be- schäftigen. Es ist ein jahrhundertelanges ringen um die aneignung des bedeutendsten werks der Weltliteratur, und diesen prozeß zu beobachten ist nicht bloß eine aufgabe der laut- und formenlehre, wort- und satz- bildung, sondern der Sprachgeschichte im weitesten sinne, d. h. bildungs- und geistesgeschichte unseres volks. Jede originale Übersetzung auch nur eines teils der bibel kann da unsere erkenntnis fördern. Zweitens scheint es mir berechtigt, grade eine ostdeutsche Über- setzung vorzulegen, um auch von hier aus einen beitrag zur grundlegung der nhd. Schriftsprache auf kolonialem boden zu liefern. Seit mehr als vierzig jähren hat Konrad Burdach in seinen bekannten werken diesen gedanken der entstehung der nhd. Schriftsprache auf dem boden Ostdeutschlands überzeugend vertreten, in- dem er auf die zentrale kultur der Luxemburger in Böhmen, die nahen beziehungen Böhmens zu Schlesien und Obersachsen, ja auf die kultureinheit von der Moldau bis zum Pregel hinwies1). Das Deutschordens- ') Zuletzt: „Vom Mittelalter zur Reformation", 5. band: Schlesisch-böhmische briefmuster aus der wende des 14. Jahr- hunderts. Berlin 1926. Ziesemer, Oatd. apostelgr. d. 14. jhs. J 2 land Preußen, staatlich in sich geschlossen, gehört in seinen kulturellen grundlagen und beziehungen zum ostelbischen kolonialland. Nicht als ob es sich mit diesem in jeder hinsieht decken müßte — das verboten schon die mit der Organisation eines geistlichen ritter- ordens verbundenen erscheinungen —, aber in der her- kunft der Siedler, in recht, spräche u. a. bildet es mit den andern ostdeutschen kolonialländern eine kultur- gemeinschaft. Die herkunft der Ordensritter und priesterbrüder läßt sich für die ersten jahrzehnte in Preußen nur lückenhaft bestimmen, es kann aber schwerlich ein zweifei sein, daß sie in der mehrzahl aus Mitteldeutsch- land stammten. Mit Sicherheit läßt sich feststellen, daß die ersten kreuzfahrer, die 1233 in der begleitung des burggrafen Burkard von Magdeburg nach Preußen kamen, dem magdeburgisch-meißnischen adel angehörten.') Sie waren vorwiegend im Vogtland, in Meißen, der Lausitz und Schlesien ansässig und wurden nun im Kulmer- land, Pomesanien und Oberland angesiedelt. Das mittlere Ermland wurde infolge der kolonisationsarbeit der bischöfe vornehmlich durch siedler aus Schlesien besetzt, deren dialekt noch heute im volke als „breslauisch" bezeichnet wird. Die städtische bevölkerung dieser preußischen landschaften kam vorwiegend aus denselben mitteldeutschen gegenden und wohl auch die bäuerliche, freilich sind wir für die letztere mehr auf allgemeine erwägungen angewiesen. Die küstenstriche des ordens- landes wurden aus den weiten gebieten Niederdeutsch- lands besiedelt. Der orden ließ die niederdeutsche spräche dieses teils seiner bevölkerung unberücksichtigt: er gebrauchte von vornherein das mitteldeutsche als amts- und geschäftssprache. Das kulmische recht, eine Übertragung des magdeburgischen rechts auf preußische Verhältnisse, war gleichfalls in mitteldeutscher spräche geschrieben. In den urkunden und Wirtschaftsbüchern *) C. Krollmann, Die herkunft der deutschen ansiedier in Preußen. Zeitschr. d. westpr. gesehichts Vereins 54,1 ff. (1912). 3 wurde eine trotz allen individuellen abweichungen ein- heitliche ostmitteldeutsche (omd.) spräche angewandt, die der in Schlesien und Obersachsen damals gebräuch- lichen amtssprache nahestand. Ähnliches gilt von den dichtungen des ordens. Die Königsberger apostelgeschichte (K) reiht sich an die bibeldichtungen des ordens an. Die dichtung des ordens ist, seinem wesen als Verkörperung von rittertum und mönchtum — miles christicmus — ent- sprechend, unter ausschaltung höfisch-gesellschaftlichen geistes auf zwei Stoffgebiete beschränkt: geschichtliche und geistliche dichtung. Erstere besteht für ihn im wesentlichen in der poetisierten geschichte des ordens, letztere in heiligenleben und bibeldichtnng. Geistliche lyrik kommt kaum, geistliches schauspiel gar nicht zu wort. Die legendenpoesie, anfangs besonders gepflegt, weicht immer mehr der umdichtnng biblischer biicher, wobei solche geschichtlichen inhalts bevorzugt werden: Makkabäer, Daniel, Hiob, Esdras und Neemyas, Hester, Judith, Apokalypse, dazu die historien der alden e. Zweifellos sollten diese werke, wie es die Ordensstatuten geboten, bei den gemeinsamen mahlzeiten vorgelesen werden. Man dachte dabei immer nur an eine Ver- wendung dieser bücher in den Ordensburgen, die be- dürfnisse der übrigen bevölkerung des landes blieben beiseite; denn der leitende gedanke für die entstehung dieser bibeldichtungen war der, daß die Ordensbrüder das bibelwort in deutscher spräche kennen lernen und dadurch immer neue geistliche nahrung erhalten und in ihrem glauben gestärkt werden sollten. Ihnen sollten die heiligen gestalten immer wieder als Vorbilder, denen sie nacheifern müßten, hingestellt werden, damit sie selbst in den grundideen des ordens gefestigt und da- durch wahre gottesstreiter würden. In diesen dichtungen war der bibeltext die hauptsache, er konnte gelegent- Vgl. Hübner, Daniel, eine Deutschordensdichtung 1911, s. 85 ff. Helm, Die literatur des Deutschen Ordens im mittel- alter. Zeitsehr. f. dentsch. Unterricht 1916. 30, 368f. 1* 4 lieh mit hilfe von kommentaren erweitert und erläutert werden. Wahrscheinlich bestand der plan, die ganze bibel nach nnd nach in einzeldichtungen umzubilden, aber er kam nicht zur vollen ausführung. Nun ging man noch einen schritt weiter: der Minoritenkustos Claus Grane unternahm auf Veranlassung des ordens- marschalls und Königsberger komturs Siegfried von Dahe- feld (1347—59) eine Übersetzung der großen und kleinen propheten, wobei er die prosa anwendet und nur durch eine gereimte vorrede und eine „auslegung", in welcher er im anschluß an Ezechiel über den tempelbau spricht, sich zutaten erlaubt.1) Neben die prophetenübersetzung tritt unsere apostel- geschichte, die weder eine gereimte vorrede noch kom- mentare, sondern lediglich den bibeltext (mit der ersten vorrede des Hieronymus) enthält. Sie ist ohne zweifei in die reihe der bibelübertragungen aus dem kreise des Deutschen Ordens mit einzubeziehen. Wo die Über- setzung entstanden ist, läßt sich nicht mit Sicherheit sagen, wahrscheinlich in einem preußischen ordenshause; da wird der sitz des ordensmarschalls, Königsberg, oder der des hochmeisters, Marienburg, in erster linie in frage kommen. Der Verfasser war gewiß ein geist- licher, vielleicht ein priesterbruder des ordens; ob er mit C. Cranc, dessen prophetenübersetzung sich in der gleichen handschrift befindet, identisch ist, darüber weiter unten. Die entstehungszeit läßt sich nur ungefähr angeben: um die mitte des 14. Jahr- hunderts. Die herkunft unserer Übersetzung aus der ordens- sphäre wird weiter durch einige eigentümlichkeiten des Wortschatzes nahegelegt, die sie mit anderen werken der Ordensliteratur gemeinsam hat: 1, 16 leitsman (dux), das sonst noch bei Jer. Pass. Väterb. Macc. Hest. belegt ist; Schill.-Lübb. 11,657 leidesman. ') Ein Nicolaus als kustos der Minoriteli in Preußen er- scheint urkundlich 1328, 1324, 1835. 5 13, 9 tigir (blicte in t. an — intuens) ist nur im Pass. und auffallend oft in Apok. belegt, meist in der Verbindung t. sehen. Nach Schill.-Lübb. 1,497 ist das entsprechende deger im ganzen mnd. Sprachgebiet zu belegen. 27, 17 swalk des meris (Syrtis) ist sonst nur im Pass. Jer. Hiob belegt. 2,20. 26,18 duistirnisse (tenebrae) kommt sonst noch wiederholt in Heslers Ev. Nie. vor. — Nicht gleichgültig scheint mir der neutrale gebrauch von werder 27,16 zu sein: mhd. heißt es bekanntlich der wert, Lex. 111,796, im Sachsenspiegel und der ordenspoesie (Pass. Jer. Dan.) der werder, mnd. ist der werder nach Schill.-Lübb. V, 675 nur in Bremen und Oldenburg, sonst von Lübeck und Hamburg östlich das neutrum, in der geschichtsschreibung und amtssprache des ordens wie in den heutigen dialekten ist ausschließlich das neutrum üblich. — Das bei Lexer und auch sonst m. w. mhd. nicht belegte bot m. (seapha) 27,16 ff. ist sicherlich von der mnd. küstensprache all- mählich tiefer ins land gedrungen und scheint in der ordenssprache verhältnismäßig früh eingang gefunden zu haben. Im ausgabebuch des Marienburger haus- komturs findet es sich in den jähren 1412 und 1414 (s. 80.148).— Die femininform dyhavene(27,12 it.portus) ist die im mnd. übliche, während Lex. nur daB mask. bucht. — 27, 29 weist dy stevene (der Übersetzer ver- wechselt freilich puppis und prora) auf kenntnis der schiffsbezeichnungen hin, und dem lassen sich 27, 12 ff. die bezeichnungen für die Windrichtungen anreihen. Die angeführten besonderheiten (ordenssprache und mnd. beeinflussung, namentlich der seemannssprache) lassen sich wohl am ungezwungensten durch die an- nähme erklären, daß der Übersetzer im ordensland Preußen arbeitete und vielleicht auch in ihm aufge- wachsen war. Noch nach einer andern richtung hin verdient der Wortschatz beachtung. Karl v. Bahder hat in seiner vortrefflichen arbeit über den Wortschatz Luthers auf den oberdeutsch - mitteldeutschen gegensatz der wort- 6 wähl hingewiesen.!) Er bemerkt mit recht, daß sieh in der prosasprache Ostmitteldeutschlands seit dem 14. Jahr- hundert ein Wortschatz ausbildete, der dem nhd. schon sehr nahe steht,2) woraus sich beriihrungen des omd. Wortschatzes mit dem Luthers leicht ergeben. Für diese frage bietet, glaube ich, ein vergleich der Königsberger Übersetzung (K) mit der Septemberbibel Luthers von 1522 (L) ein erwünschtes material. Dabei ist natürlich der zeitliche abstand von 150 bis 170 jähren zu be- rücksichtigen. K stellt sich zeitlich in die nähe der für Matthias von Beheim angefertigten evangelienüber- setzung von 1343, die Bechstein aus der Leipziger hs. herausgab (B),3) und auch räumlich stehen sie zu- sammen, insofern sie beide omd. spräche und kultur angehören. Demgegenüber steht Mentels erster bibel- druck von 1466 (M), dessen vorläge, mit K ungefähr gleichzeitig, im Wortschatz oberdeutsches gepräge zeigt und wahrscheinlich einer bayrischen landschaft an- gehört.4) Ich greife einige beispiele heraus, in denen der omd. Wortschatz von K und L gegen den obd. von M steht: 1, 3 passio M marter — K liden, L leyden. 1, 10 vestis M gewand — K cleyt, L kleyd. 12, 13 puella M diern — K mayt, L magd. 2, 18 aneillae M diern — K mayde, L megde. 5, 26 minister M ambechter — K diner, L Diener. 7, 27. 10, 42 judex M vrteiler — K richtir, L richter. 7, 7 judicare M vrteilen — K richten, L richten. 5,15 platea M strasse — K gazze, L gasse. 3,11. 5,12 porticus M vorlaube — K halle, L halle. Zur wortwahl in der frühneuhochdeutschen Schriftsprache. Heidelberg 1925. 2) a. a. o. 2, anm. 3) Des Matthias von Beheim evangelienbuch in mittel- deutscher spräche 1343, hrsg. von E. Bechstein. Leipzig 1867. *) Kurrelmeyer, Die erste deutsche bihel, bd. X, St.L.V.266, s. XIII ff. Auf die aus der vorläge geflossenen Tepler und Freiberger codices brauche ich nicht weiter einzugehen. Vgl. auch v. Bahder, a. a. 0.13, anm. 1.

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